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Aus Konkret 07/94, Seite 16

Kassensturz als Widerstand 

von Otto Köhler

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Es gehört zur zentralen Lebenslüge der Bundesrepublik, daß auch Ludwig Erhards »Soziale Marktwirtschaft« im Widerstand gegen das Naziregime entwickelt worden sei. In Wahrheit ist sie ein integraler Bestandteil jener Planungen gewesen, mit denen NS-Bürokraten die Nachkriegszeit gestalten wollten

Der 20. Juli der deutschen Wirtschaft begann bereits am 26. Juni. Zwölf Jahre und einen Tag nachdem die Interessengemeinschaft Farben mit dem zur Macht drängenden Adolf Hitler am 25. Juni 1932 den Benzinpakt abgeschlossen hatte*, bat der Führer ein letztes Mal rund hundert Vertreter der deutschen Wirtschaft zu sich auf den Obersalzberg. So wie die Militärs pünktlich im Juli 1944 ihre zwingenden Gründe hatten, sich Hitlers entledigen zu wollen - am 6. Juni waren die Westalliierten in der Normandie gelandet, und die sowjetische Großoffensive gegen die Heeresgruppe Mitte hatte am 23. Juni begonnen - , so verlor nun auch die Elite der deutschen Wirtschaft, die IG Farben vorneweg, ihr Interesse am Führer. Das war leicht zu erklären. Fünf Jahre lang hatte der Luftkrieg der West-Alliierten die Benzin-Hydrier-Werke der IG Farben und der von ihr abhängigen Konzerne geschont - seit Mai wurden diese Hauptschlagadern der deutschen Kriegsversorgung bombardiert.

Hans Kehrl, Leiter des Rohstoffamtes im Rüstungsministerium erschrak, als er sah, wie Hitler von seinem Minister Albert Speer, dem großen Freund der deutschen Wirtschaft, in das Führerkaffee auf dem Obersalzberg geführt wurde: »Es sah beinahe so aus, als ob Speer ihn wie eine Puppe aufs Podium schieben mußte. Seine Bewegungen waren eckig, seine Arme hingen in merkwürdiger Weise herab, seine Stimme war schwach. Er sprach von allem möglichen, nur nicht von dem, was wir erwartet hatten. Nichts von der militärischen Lage, nichts von den Luftangriffen, nichts von Wunderwaffen ...« Nein, Hitler sprach von Frieden und Friedenswirtschaft, und das mochte die Industriellen, die im Augenblick andere Sorgen hatten, ein wenig verwirren. Aber Speer hatte ihm gut zugeraten - der Rüstungsminister hielt als genialer Organisator das Dritte Reich zusammen und betrieb nebenamtlich auch noch den unentbehrlichen Widerstand: Mit Giftgas wollte er Hitler und seinen engeren Kreis - sich selbst natürlich ausgenommen - beseitigen, kam aber infolge der Überfülle seiner Aufgaben nie dazu. Und so legte der Führer auf Wunsch seines Freundes schon am 26. Juni 44 sein Bekenntnis zur kommenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung ab, indem er ausdrücklich hinwies auf die »Unverletzbarkeit des privaten Eigentums an den Betrieben«. Hitler forderte »freie Wirtschaft nach dem Kriege und grundsätzliche Ablehnung der Verstaatlichung der Industrie«. Trotzdem vermittelte der Führer den Wirtschaftsleuten nicht das richtige Feeling. Speer berichtete nach der Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis in seinen Memoiren: »Bei seiner Rede, in der er sich der Sache nach an meine Stichworte hielt, machte Hitler einen gehemmten Eindruck. Er versprach sich oft, stockte, brach Sätze ab, ließ Übergänge vermissen und verwirrte sich gelegentlich. Die Rede war ein Zeugnis für einen erschreckenden Erschöpfungszustand.« Was nutzte es da, daß der Führer ein übers andere Mal betonte, »in der Förderung der privaten Initiative« liege »die alleinige Voraussetzung für jede wirkliche Höherentwicklung, ja, für die Weiterentwicklung der ganzen Menschheit«? Genau hier nämlich begann der Konditionalis: Wenn erst einmal der Krieg mit »unserem Sieg« entschieden sei, dann werde »die Privatinitiative der deutschen Wirtschaft ihre größte Epoche« erleben. In dieser Epoche der deutschen Friedenswirtschaft habe er dann nur ein Interesse, »die größten Genies der deutschen Wirtschaft arbeiten zu lassen«. Aber Hitler, der bis dahin seine Rede genau so hielt, wie es ihm Speer empfohlen hatte, beging nun doch noch den entscheidenden Fehler. Er wich für einige Schritte nur vom Königsweg des freien Unternehmertums ab, von der Höherentwicklung der Menschheit durch die Privatinitiative, vom Bekenntnis zu dem, »was wir mit dem Begriff Privatkapital oder Privatbesitz oder Privateigentum überhaupt bezeichnen«. Vielleicht war es nur ein frühkindliches Erlebnis, das er nicht verarbeitet hatte, egal, er ließ sich überwältigen, unbeherrscht sprudelte es aus ihm hervor, daß er in einem ganz bestimmten Fall doch mit lenkender Hand in die Freiheit der unternehmerischen Privatinitiative eingreifen würde. Wirklich nur »im Ausnahmefall«, so beteuerte Hitler,wolle er »korrigierend« in die Freiheit der Wirtschaft eingreifen, aber verdächtig schnell hatte er einen solchen Ausnahmefall gefunden: »Ein großer Erfinder entdeckt plötzlich eine neue Art eines Korsetts. Dann würde ich dagegen Stellung nehmen, sofort! Ich würde sagen: Wir brauchen andere Dinge als Korsetts jetzt. Und wenn der Mann sagt: ›Ja, aber das ist meine Erfindung! Ich habe ein Korsett ohne viel Stangen, ohne Fischbein, sondern mit Stahl, neue Legierung; kann nicht rosten, absolut so elastisch wie Fischbein und läßt sich noch besser zusammenschnüren; rückwärts ist eine Kurbel, es brauchen also nicht mehr zwei Leute zu ziehen, ganz neue Erfindung, kann sogar an jede Steckdose angeschlossen werden, geht automatisch.‹ Dann werde ich sagen: ›Mein Herr, sperren Sie Ihre Erfindung sogleich wieder ein! Ich lasse keine Korsetts machen in Deutschland, weil ich die deutsche Frau nicht kaputtmachen lasse.‹« Das war ein klarer Verstoß gegen die freie Unternehmerinitiative, und da half es nichts, daß Hitler seine Wehrwirtschaftsführer direkt ansprach: »Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie es mir überhaupt ermöglichten, die (Kriegs-)Aufgaben zu erfüllen. Sie müssen aber als meinen höchsten Dank etwas entgegennehmen, nämlich das Versprechen, daß meine Dankbarkeit sich auch später immer wieder zeigen wird und daß keiner auftreten kann im deutschen Volk, der mir sagen kann, ich hätte mein Programm je verletzt. Das heißt, wenn ich Ihnen sage, daß die deutsche Wirtschaft nach diesem Kriege ihre größte Blüte, vielleicht aller Zeiten, erleben wird, dann müssen Sie das auch als ein Versprechen auffassen, das eines Tages seine Einlösung finden wird.« Obwohl Hitler damit kein Wort zuviel versprach, obwohl gleich nach dem Krieg die Landschaften des richtigen Deutschland aufblühten, so wie er es damals vorhersagte, konnte er die Verstimmung, die er mit seiner winzigen Abweichung vom Tugendpfad der freien Privatinitiative unter den anwesenden Unternehmern ausgelöst hatte, nicht ausräumen. Speer: »Hitler erhielt während seiner ruhelos ungeordneten Rede kaum Beifall. Wir alle waren wie vor den Kopf geschlagen. Vielleicht veranlaßte ihn diese Reserve, daß er die Industrieführer mit den Aussichten, die sie erwarten, wenn der Krieg verlorengehe, zu erschrecken versuchte.« Und so machte der Führer den letzten Rest an Wohlwollen, den ihm die Industrieführer noch entgegenbrachten, kaputt: »Es gibt keinen Zweifel, daß, wenn wir diesen Krieg verlieren würden, nicht etwa eine private deutsche Wirtschaft übrig bliebe. Sondern mit der Vernichtung des ganzen deutschen Volkes würde selbstverständlich auch die deutsche Wirtschaft vernichtet. Nicht etwa nur, weil die Gegner die deutsche Konkurrenz nicht wünschen - das sind ganz oberflächliche Auffassungen - , sondern weil es sich überhaupt um grundsätzliche Dinge handelt. Wir stehen in einem Kampf, der über die beiden Gesichtspunkte entscheidet: entweder Zurückwerfen der Menschheit um ein paar tausend Jahre wieder in einen primitiven Urzustand mit einer ausschließlich staatlich gelenkten Massenproduktion oder die Weiterentwicklung der Menschheit durch die Förderung der privaten Initiative.« Zuschlechterletzt trieb der Führer in einem neuen Anfall von Verwirrtheit alles auf die Spitze: »Wenn der Krieg verlorenginge, meine Herren, dann brauchen Sie keine Umstellung (auf Friedenswirtschaft) vornehmen. Dann bleibt nur, daß jeder Einzelne sich seine private Umstellung vom Diesseits zum Jenseits überlegt: ob er das persönlich machen will oder ob er in Sibirien arbeiten will - das sind die einzigen Überlegungen, die dann der Einzelne zu machen braucht.« Speer - und er nicht allein - war entsetzt: »Fast höhnisch und jedenfalls mit einem leichten Unterton der Verachtung für diese ›feigen bürgerlichen Seelen‹ hatte Hitler diese Sätze gesprochen. Das blieb nicht unbemerkt und machte allein schon meine Hoffnung, daß die Industrieführer durch seine Rede neu angespornt würden, zunichte.« Kehrl, dem Hitler bei seiner Rede den Eindruck »eines Menschen in schwerstem Erschöpfungszustand und zeitweiser Geistesabwesenheit« bot, berichtet, wie sich die Teilnehmer aus der Industrie bei der Heimfahrt nach Berlin über den Führer einig waren: »Der Mann ist ja ein ganz anderer als der, den wir früher kannten ... Der Mann ist doch gar nicht mehr regierungsfähig.«

Man mußte sich umorientieren und doch dabei möglichst so bleiben, wie man war. Hitler war im Grunde nur noch ein störendes Zwischenglied. Einen Tag nachdem der Führer bei der Industrie durchgefallen war, schrieb der Vorstandsvorsitzende der Salzdetfurth AG, Rudolf Stahl, dem Kriegsverwaltungsrat Krone: »Schade nur, daß man bei den Albanern und den sonstigen frei um sich schlagenden Bundesbrüdern auf dem Balkan stets auf feierliche Staatsverhandlungen angewiesen ist, statt einfach befehlen zu können. Wir sind m. E. im Anfang des Krieges nicht gut beraten gewesen, als wir allerlei kleine Staaten dort unten mit Schein-Souveränität ausstatteten und außerdem solche für die zentrale Wirtschaftsführung unbequemen Institutionen wie Protektorat und Generalgouvernement schufen. Man kann sich vorstellen, daß auf Grund der neueren Ereignisse im Westen und Osten, die ja für uns zunächst wenig erfreulich sind, die Opposition und der Widerstandsgeist auf dem Balkan neue Nahrung erhalten.« Nun besaß Rudolf Stahl zugleich auch als stellvertretender Leiter der Reichsgruppe Industrie einen veranwortungsvollen Posten und hatte sich darum schon geraume Zeit überlegt, wie mit weniger erfreulichen neueren Ereignissen in West und Ost zurechtzukommen sei. Unter seiner Leitung arbeitete Ludwig Erhard in seinem seit 1942 von der IG Farben finanzierten Nürnberger Institut für Industrieforschung bereits an den Problemen der Nachkriegswirtschaft. Erhards wichtigstes Ergebnis war die Studie Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung, um die sich in der Nachkriegszeit manche Widerstandslegende rankte, weil sie lange verschollen blieb. Die Reichsgruppe Industrie gewann Interesse an Erhards Werk und vermittelte ihn 1944 an den Unterstaatssekretär im Wirtschaftsministerium, SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf. Erhards Gesprächspartner war ein Massenmörder. Noch zwei Jahre zuvor hatte er im Osten als Leiter der Einsatzgruppe D 90.000 Männer, Frauen und Kinder umgebracht. 1977 veröffentlichte der Zeithistoriker Ludolf Herbst in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte einen Aufsatz über das Verhältnis zwischen dem Massenmörder Ohlendorf und dem Wirtschaftswundermann Erhard, der außerhalb von Fachkreisen weitgehend unbeachtet blieb. Herbst: »Es gab bei allen Unterschieden in den weltanschaulichen Voraussetzungen so viele Berührungspunkte, daß nicht nur eine Zusammenarbeit als möglich erschien, sondern eine ganze Reihe prinzipieller wirtschaftspolitischer Grundpositionen Erhards in das mit der Abteilung Ohlendorfs abgesprochene und somit als Bestandteil der koordinierten Planung des RWM (Reichswirtschaftsministerium, O.K.) anzusehende Planungsprogramm der RI (Reichsgruppe Industrie, O.K.) eingehen konnten.« Diese Tatsache zeigte Herbst, »welche Bedeutung Erhard für die Planungsvorbereitungen und ihre wirtschaftspolitische Ausrichtung zu erlangen vermochte.« Ohlendorffs Planungskonzept formulierte, so Herbst, die Quintessenz der Argumentation von Erhards »wirtschaftlicher Zielsetzung«, nämlich: »1) Abbau der staatlichen Bewirtschaftung unter betonter Wiederbelebung der Privatinitiative und Ausbau der Selbstverwaltung im Rahmen der staatlichen Wirtschaftsführung. 2) Grundsätzliche Abstimmung zwischen Staats- und Privatbedarf ... 3) Grundsätzliche Abstimmung zwischen Investitions- und Konsumgüterherstellung. 4) Gestaltung der Marktordnung...« Kurz: die Einführung dessen, was später dann »Soziale Marktwirtschaft« genannt wurde. Behutsam stellte Herbst 1973 noch die Frage, warum Erhard »angesichts des offenkundigen Endes des Dritten Reichs seine Arbeitskraft in den Dienst von Organisationen und Menschen stellte, deren Zukunft ungewiß war und die ihn ja durchaus auch hätten kompromittieren können«. Doch die Überlegungen der Erhardschen Denkschrift konnten, als sie endlich bekannt wurden, ihren Verfasser in der Bundesrepublik Deutschland nicht kompromittieren. Erhard hatte schon 1944 vor denen gewarnt, die erklären würden, daß der Krieg eine zu »gewaltige Wertevernichtung mit sich gebracht hat, als daß das Produktivkapital in privater Hand davon unangetastet bleiben dürfte«. Er hatte vor denen gewarnt, die sagen könnten: »Wenn ein Teil des deutschen Volkes ohne eigene Schuld alles verloren hat, kann es nicht gutgeheißen werden, daß andere ohne eigenes Verdienst Begünstigte möglicherweise ihr gesamtes Vermögen über den Krieg hinüberretten.« Und er hatte ausdrücklich erläutert: »Der Verfasser bedient sich hier mit Absicht einer Argumentation, die - wie zu erwarten steht - zugleich auch das soziale Ressentiment anderer Schichten oder der durch den Krieg Geschädigten ... erkennen läßt.« Kurz: Erhard hatte vor einer anderen Republik gewarnt, als der, die 1944 in Deutschland bestand: »In letzter Konsequenz gipfeln solche Überlegungen in der Forderung nach einer Sozialisierung der Produktionsmittel, nach einer Vermögensabgabe also, die für die Zukunft dem Staat nicht nur die wirtschaftslenkende, sondern auch die unmittelbar unternehmerische Funktion zuweist.« Und eben das wollte er vorsorglich verhindern. »Gespenstisch« nennt der Zeithistoriker Wolfgang Benz in dem von Theodor Eschenburg herausgegebenen Band Jahre der Besatzung 1945-1949 das Zusammenspiel von Ohlendorf und Erhard. Ohlendorf (und mit ihm auch Himmler), die Reichsgruppe Industrie und Erhard waren sich Ende 1944 im Grunde darüber einig, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen und Vorbereitungen für die Nachkriegszeit zu treffen seien. Formuliert wurde das natürlich so nie. Doch die in Festreden und in der populären Erhard-Literatur immer noch vertretene Behauptung, Erhard habe zu Beginn seiner Denkschrift eingestanden, es stehe einwandfrei fest, daß der Krieg verloren sei, und sich und andere damit in große Gefahr gebracht, ist eine Legende und geht zurück auf einen etwas wirren Bericht des Tübinger Politikwissenschaftlers Eschenburg (»nach meiner Erinnerung ungefähr«). Der Bericht Eschenburgs über seine Begegnungen mit Erhard im Dritten Reich (nachzulesen in der Festschrift zu Erhards75. Geburtstag) bezieht sich auf »die Denkschrift Erhards«, die nach Eschenburgs Angaben »ungefähr fünfzehn bis zwanzig Seiten« umfaßt und die er 1944 unter konspirativen Umständen gesehen haben will. Das war 1971. 1976 wurde Erhards Denkschrift in einem Nachlaß gefunden. Sie war 278 Seiten dick. Im Vorwort zur Faksimile-Ausgabe von 1977 wiederholt Eschenburg seinen dubiosen Widerstands-Bericht, fügt aber hinzu: »Daß dieser Text eine Kurzfassung war und ebenso, für wen sie bestimmt war, wußte ich nicht. Von der eigentlichen Denkschrift habe ich erst viel später erfahren. Leider sind von der Kurzfassung mit ihrem lapidaren Text sämtliche Exemplare verlorengegangen und trotz aller Bemühungen bis heute nicht aufgefunden worden.« In einer Fernsehsendung warf Eschenburg 1989 die Denkschrift abermals mit der »Kurzfassung« durcheinander, welche Erhard und ihn »ins KZ« hätte bringen können, wenn sie den Nazis in die Hand gefallen wäre. Sein Professorenkollege Günter Schmölders hatte ihm schon zuvor im Vorwort des Faksimile-Bandes bestätigt: »Daß der Krieg 1944 für Deutschland bereits verloren war, wird nicht in der Denkschrift, wohl aber in ihrer späteren Kurzfassung ausdrücklich gesagt, über die Th. Eschenburg berichtet hat ...« Erhard selbst hat in seinem Vorwort an gleicher Stelle nichts über eine »Kurzfassung« verlauten lassen, auch nichts über die Begegnung mit Ohlendorf, kann sich aber erinnern, daß er selbst »den Machthabern mißliebig geworden sei«. Sie hätten ihm nämlich Arbeits- und Hilfskräfte verweigert. An der »Kurzfassung« kann das ebensowenig gelegen haben wie an der ausführlichen »Denkschrift«. Am 14. November 1944 schrieb Industrie-Vize Rudolf Stahl mit dem üblichen »Heil Hitler« dem SS-Gruppenführer und Massenmörder, dem »sehr verehrten Herrn Ohlendorf«, in sein Reichswirtschaftsministerium diesen Brief: »Da, wie ich höre, am Freitag im Verfolg unserer letzten Zusammenkunft die von Ihnen dabei angeregte Aussprache mit Herrn Dr. Erhard stattfinden soll, gestatte ich mir, Ihnen in der Anlage eine mir heute zugegangene weitere Ausarbeitung des Herrn Dr. Erhard zu übersenden.« In diesem »Exposé Dr. Erhard« schlägt sich der auch gleich selbst für die Bearbeitung der »währungspolitischen Neuordnung« vor, und Stahl meint zu Ohlendorf, »daß sich dieses Exposé als Unterlage für ihre Unterhaltungen mit Herrn Dr. Erhard gut eignet«. Er fügt hinzu: »Den Auszug aus der Erhardschen Denkschrift über die Schuldenkonsolidierung ... überreichte ich Ihnen bereits am Freitagabend. Ich habe Herrn Dr. Erhard gebeten, Ihnen seine ausführliche Denkschrift am Freitag persönlich zu übergeben.« Der SS-Gruppenführer hatte also längst die »Kurzfassung« in der Tasche, die nach Meinung des Politikwissenschaftlers Eschenburg Erhard und auch ihn selbst ins KZ gebracht hätte, wenn sie den Nazis bekannt geworden wäre. Am 10. April 1948 wurde Otto Ohlendorf vom US-Militärgerichtshof in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt. Erhard, bereits Ende 1945 bayerischer Wirtschaftsminister, ist 1946 von der US-Besatzungsmacht wegen Begünstigung alter Nazis aus dem Ministeramt entfernt, gleichwohl aber 1947 als Vorsitzender der Sonderstelle Geld und Kredit in der Bizonenverwaltung mit der Vorbereitung der Währungsreform betraut worden. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 erlebte Ohlendorf in der Kriegsverbrecherzelle. Am 4. März 1949 bestätigte der US-Militärgouverneur Lucius D. Clay das Todesurteil gegen ihn - Erhard wurde derweil Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets in Frankfurt. Im Juni 1951 wird Ohlendorf aufgehängt. Erhard ist im anerkannten Nachfolgestaat des Nazi-Reiches längst Bundesminister für Wirtschaft und beteiligt sich an den Vorbereitungen für eine deutsche Remilitarisierung. So endete der 20. Juli der deutschen Wirtschaft.

  • Am 25. Juni 1932 hatten Abgesandte der IG Farben Hitler in München aufgesucht und von ihm die Zusage erhalten, er werde im Fall seines Sieges einen profitablen Preis für das aus Kohle gewonnene Leuna-Benzin garantieren, koste es, was es wolle. Darauf beschloß der in eine schwere Krise geratene Konzern trotz niedriger Weltmarktpreise sein synthetisches Benzin weiterzuproduzieren.

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